Sommerfest und Ausstellungseröffnung

Freitag, 29. Juli 19 Uhr

Christian Mader
The Missing Link

skytree_tokio2015
Christian Mader: Skytree, Tokio 2015

30. Juli - 21. August 2016


Missing Link

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami sagt in einem seiner seltenen Interviews: „Für Fremde gleicht die Kulturnation Japan der Wasserfläche eines stillen Sees. Wer sie betrachtet, sieht nur die Reflektionen dessen, was er selbst schon zu wissen glaubt. Doch wer den See betritt, verzerrt dieses Bild, und sieht eine lebendige Fassade, die zugleich real und unergründlich ist.“

Der Stuttgarter Fotograf Christian Mader begab sich in das Spiegelkabinett der japanischen Wirklichkeit. Seine Fotografien erzählen von jener Unergründlichkeit der physischen Oberfläche einer Gesellschaft, die uns Europäern trotz weltweiter kultureller Nivellierung weitgehend fremd bleibt: Stühle, Sofas, Zimmerpflanzen erscheinen uns wie Requisiten eines Films, den wir nicht kennen. Öffentliche Räume, Häuser, Parkplätze und Grünflächen wirken wie die Kulisse eines arrangierten Alltags. Unsere westlichen Automatismen der Interpretation und Analyse versagen, wir fallen in ein Deutungsvakuum. Wiewohl in ihren sichtbaren Elementen der unseren sehr ähnlich, ist die japanische Wirklichkeit aus anderen Komponenten zusammengesetzt als die unsere.

Dort bestehen die wirkliche Welt und eine andere, irreale Welt zugleich, sie hängen eng miteinander zusammen. Manchmal vermischen sie sich. Die meisten Asiaten analysieren das nicht, für sie ist das normal. Diese Widersprüchlichkeit verwirrt uns, wir taumeln haltlos; das eine und das andere gleichzeitig zu leben, erscheint uns absurd. Was uns fehlt ist eine offenkundige Verknüpfung zwischen der sichtbaren und der irrealen Welt, der Missing Link.

Selbst Personen muten an wie platziert. Die Japaner auf den Fotografien wirken wie hineingestellt, in eine Welt, die sie eher hinnehmen als gestalten. Sie scheinen Platzhalter zu sein, so wie der junge Mann unter dem blühenden Kirschbaum, der durch seine pure Anwesenheit eine Fläche für seine bald eintreffenden Kollegen freizuhalten vermag. Passivität als Konzept? Nein, sie leben ihr Leben. Allerdings in dem Bewusstsein, dass es einen freien Willen westlichen Zuschnitts nicht gibt, da ein zielgerichtetes Handeln im realen Leben keinen Einfluss auf das immer unwägbare Gesamte hätte.

Maders Arbeiten sind keinesfalls Reportagefotografien. Seine Sujets sind jedoch auch nicht inszeniert. Mader nimmt keine Eingriffe vor, er arrangiert oder drapiert nicht; was auf seinen Fotografien zu sehen ist, hat er so vorgefunden. Dennoch, über Bildausschnitt, Lichtverhältnisse und der Wahl eines geeigneten Zeitpunkts, erreicht er diese feine Doppelbödigkeit. Auffallend wie subtil seine Bildsprache mittels Lichtsituationen kommuniziert. Da flutet Licht Räume, bringt Stühle, Topfpflanzen und Esstabletts förmlich zum Schweben und unterfüttert so das real Anwesende mit der lichtmächtigen Ahnung des Irrealen. Und genau daraus gewinnen diese Fotografien ihre feine Ambiguität. Die Sujets wirken ambivalent, die Grenze zwischen Organ und Atem, zwischen Objekt und Appeal und folglich auch zwischen Traum und Alptraum ist porös.

Obwohl die Fotografien realsituativen Alltag zeigen, trauen wir der Alltäglichkeit dieses Alltags nicht. Selbst nach längerer Betrachtung löst sich dieses Deutungsvakuum nicht auf: Wird der Mann im Pachinko-Gameshop gleich ausflippen vor Glück, so wie seine Tragetasche es fordert, oder übermannt ihn seine schon sichtbare Lethargie, indem er tränenüberströmt zusammensackt? Hat die Frau am Restauranttisch schon eine tödliche Dosis Schlaftabletten intus und wartet nun auf die finale Wirkung, oder sitzt sie da nur zwischen zwei Geschäftsterminen und erholt sich gedankenverlorenen bei einem Schluck Eistee? Wir wissen es nicht!

Wir können die Narrative, die in diesen Situationen stecken, nicht weitererzählen. Unsere westlichen Konzepte und Routinen des intuitiven Erkennens und Deutens öffentlicher Situationen und Raumkonzeptionen greifen in diesem östlichen Land nicht. Dieses Moment, dieses schöne Verwundern akkurat festzuhalten, darin besteht die Größe dieser Fotografien. Mader lotet das Verhältnis zwischen Realität und Repräsentation neu aus, indem er zeigt, welch faszinierende Ästhetik entsteht, wenn diesem Verhältnis ein belangvolles Element fehlt, jener Missing Link.

Hansjörg Fröhlich




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