Über die Arbeiten von Tina Müller

Die sinnliche Abbildung der Wirklichkeit ist pulverisiert – doch das Bedürfnis nach unverbrüchlicher Schönheit bleibt. Die Globalisierung ist abgeschlossen – doch das Fernweh dauert an. Und weil nun die Welt ein komisches fraktales, aus Abertausenden Wahrnehmungspartikeln zusammengeschustertes Dorf ist, ist es ganz gleich, ob wir nach Honolulu, Timbuktu oder Graubünden reisen. Entscheidend ist einzig, dass wir tatsächlich irgendwo ankommen und was wir dann tun. Denn längst ist für unsere Wahrnehmung der Welt, die Art, die Methode unseres Sehens viel ausschlaggebender, als der Ausschnitt der Welt, den wir gerade betrachten. Die Filter liegen jetzt hinter den Augäpfeln.

Die Stuttgarter Künstlerin Tina Müller hat ihre Farbkästen, Papiere und Vesperbrote eingepackt, ist rausgefahren aus ihrem Habitat, um in die Wirklichkeit von Feld, Wald und Flur einzutauchen. Dort, vielleicht mit dem Rücken gegen einen Apfelbaum gelehnt, vielleicht auf einem Hügel im hohen Almgras gelagert, bringt sie Vergegenwärtigungen und Übersetzungen dieser „Biomasse“ zu Papier. Grad‘ so, wie es die Empfindsamen unter den natursuchenden Künstler getan haben, etwa die Dichter Théophile Gautier oder Stéphane Mallarmé. Was Tina Müller von diesen Sessions im Grünen zurückbringt, sind Gedichte ohne Worte und Buchstaben.

Rausgehen – Hinschauen – Einlassen – Übertragen – Festhalten – Heimbringen, ihre Methode ist wie Pilze sammeln, nur ohne eine Suppe zu kochen. Denn Tina Müller verspeist nichts, sie überträgt, sie schichtet und arrangiert ihre ästhetischen Funde. Wo andere Künstler gierig schlingen, hält sie sich zurück und fügt ihre aus der Natur entnommenen Ideen zu einem Tableau, das sich zwar vor unseren Augen ausbreitet, sich jedoch auch an unser inneres Auge richtet. Wir sehen in diesen Bildern aus transformierten Bruchstücken der realen Welt verfertigte Symbole, die, neu zusammengesetzt, eine Welt unhinterfragter Schönheit und Vollkommenheit ergeben. Ästhetische Gewissheiten werden hier nicht direkt abgebildet, sondern durch indirekte Stilmittel evoziert. Geschickt spielt die Künstlerin mit dem für unsere turbomediale Gegenwart so typischen Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung. Ihre Malerei ist Balsam für unsere im Dauerfeuer verbrannten Sehrinden, ist kühlende Sehschule für uns, die wir vor lauter Bilder nichts mehr sehen.
Wir haben verlernt mit dem Wald zu summen – Tina Müller summt für uns mit.

Hansjörg Fröhlich